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Das Staatsoberhaupt von 83 Millionen Deutschen zu Gast in der 3 700-Seelen-Gemeinde: Klar, dass es ein besonderer Tag war gestern für Selsingen. Und am Ende gab es auch noch ein dickes Lob von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. „Wir sind tief beeindruckt“, sagte der SPD-Politiker mit Blick auf das Engagement in der ganzen Samtgemeinde für die Kontaktpflege mit der Bundeswehr. Zuvor hatte Steinmeier mit Lokalpolitikern, Vereinsvertretern und engagierten Bürgern im Rathaus über das Thema „Miteinander von Bundeswehr und Gesellschaft“ gesprochen.

Um 14.53 Uhr sperren Beamte die Hauptstraße vor dem Selsinger Rathaus ab. Sicherheitsleute von BKA und Polizei greifen sich an die kleinen Mikrofone in den Ohren und nicken: das Zeichen, dass der Konvoi mit dem Bundespräsidenten anrollt. Eine Minute später biegt der gepanzerte BMW mit der Autonummer O-1 in die Rathaus-Auffahrt ein. So kurz das Kennzeichen an der Limousine, so lang nehmen sich Frank-Walter Steinmeier und Gattin Elke Büdenbender Zeit für die Begrüßung.
Erst schütteln sie Selsingens Samtgemeindebürgermeister Gerhard Kahrs die Hand, dann begeben sie sich auf die andere Straßenseite, begrüßen das Volk. So viel Spontanität macht den Personenschützern Arbeit. Bei den rund 40 Schaulustigen aber, die bei Kaiserwetter der Ankunft des Präsidenten entgegengefiebert haben, kommt die Bürgernähe gut an. Man erkundigt sich nach dem Wohl eines Rollstuhlfahrers, hält kurze Schnacks mit mehreren weiteren Selsingern.

Kurz danach geht es hinüber ins Rathaus, wo sich Steinmeier und seine Frau ins Goldene Buch eintragen. Schließlich warten im Sitzungssaal im Obergeschoss bereits gut 30 Gäste auf den Start der Gesprächsrunde. Der volle Titel lautet „Gesellschaftlicher Zusammenhalt – Miteinander von Bundeswehr und Gesellschaft“, und bereits nach wenigen Minuten wird deutlich, dass die Wahl Selsingens kein Zufall war. Das ahnt auch Steinmeier: „Oberst Joachim Hoppe (heute Verbindungsoffizier beim Bundespräsidenten und früher Kommandeur des Fallschirmjägerregiments 31, d. Red.) hat mir den Standort wohl aus gutem Grund für einen Besuch vorgeschlagen“, grinst der Bundespräsident.

Zur Begrüßung betont Samtgemeindebürgermeister Gerhard Kahrs, dass die Patenschaften, welche die Selsinger Gemeinden mit den Soldaten in Seedorf pflegen, weit mehr seien als reine Symbolik. Gleich danach schildert der Selsinger Gemeindebürgermeister Reinhard Aufdemkamp, was in der Region Allgemeinwissen ist: Es gibt eine besondere Verbundenheit zwischen den Soldatinnen und Soldaten der Seedorfer Fallschirmjäger-Kaserne sowie den Bürgerinnen und Bürgern aus der Region.
Am Weihnachtsmarkt neben der St.-Lamberti-Kirche beteiligen sich die Soldatinnen und Soldaten wie selbverständlich mit heißem Essen aus der „Gulaschkanone“. Macht an der Helga-Leinung-Schule ein paar Straßen weiter ein Spielgerüst schlapp, rücken die Soldaten mit Werkzeug an und richten den Schaden. Riskieren die Fallschirmspringer in Mali oder Afghanistan ihr Leben, schicken die Landfrauen Weihnachtspakete mit aufbauenden Grüßen aus der fernen Heimat.
„Wir sehen die Soldaten als Nachbarn, um die man sich sorgt, wenn sie im Ausland im Einsatz sind“, sagt der ehemalige Samtgemeindebürgermeister Werner Borchers. Aufdemkamp fügt hinzu, dass das Verhältnis vielleicht auch deshalb so eng sei, weil man es in der Region so kenne aus der Zeit der niederländischen Kaserne in Seedorf. Nicht zufällig lebten bis heute viele ehemalige holländische Soldaten oder ihre Angehörigen in der Region. Es gebe zahlreiche deutsch-holländisch geprägte Familien.
Als der Kaserne zwischenzeitlich der Leerstand drohte, sei die Verzweiflung groß gewesen, betont Borchers, heute Vorstandsmitglied des Vereins „Bundeswehrfamilien Fallschirmjäger-Kaserne Seedorf“. Um so größer sei die Freude gewesen, als klar war, dass die Bundeswehr einziehen würde – und das beileibe nicht nur auch wirtschaftlicher Sicht. „Ein Sechser im Lotto war das für uns“, sagt Aufdemkamp.
Susanne Heins, Vorsitzende der Landfrauen, schildert auf Nachfrage der „First Lady“, wie die Unterstützung für die Soldaten im Auslandseinsatz zustande gekommen sei. „Ich hab einfach in der Kaserne angerufen“, sagt die Vorsitzende und erntet für so viel sympathische Unkompliziertheit ein herzliches Lachen des Bundespräsidenten und seiner Frau. Auch, dass die Landfrauen bis heute mit dem Ruf der „Bauersfrauen mit grauen Jacken und Vorliebe für Kaffee und Kuchen“ zu kämpfen hätten, berichtet die Landfrauenvorsitzende. Dabei lebten nur noch rund zehn Prozent der Mitglieder von der Landwirtschaft. „Sie nehmen also auch Industriekauffrauen auf“, meinte Elke Büdenbender und lachte erneut, als Susanne Heins Hintergrundwissen bewies: „Ja, und auch Richterinnen.“
Mit Interesse hören Steinmeier und Büdenbender die Schilderung einer Soldatenfrau, deren Mann früher in Seedorf stationiert war, heute aber im Verteidigungsministerium in Berlin Dienst tut. Sie wohnten immer noch in Farven, sagt die junge Mutter, weil die Familie mit dem elfjährigen Sohn eine Heimat gesucht habe und es ihnen in der Region so gut gefalle.
Auch Oberst Christian von Blumröder, aktueller Kommandeur des Fallschirmjägerregiments 31, nennt die Beziehung zwischen Soldaten und Bürgern in der Region „eine besondere“. Für gewöhnlich müsse diese wachsen, es gebe sie sonst auch an langjährigen Standorten in Bayern oder in Nordrhein-Westfalen, aber in Selsingen sei sie auch auffallend lebendig. „Wir wollten Patenschaften mit Leben und keine leeren Worthülsen“, sagt Gemeindebürgermeister Aufdemkamp.
Für Peter Radzio, Sandbostels Gemeindebürgermeister, ist es das Stichwort. Er erinnert an einen Auslandseinsatz der Seedorfer Soldaten, der kurz nach Abschluss der Patenschaft angestanden habe. „Damals standen morgens um fünf Uhr 20 Bürgerinnen und Bürger aus unserer Gemeinde an der Straße und haben die Männer und Frauen winkend verabschiedet.“ Auch diese Schilderung dürfte wohl mit dazu beigetragen haben, dass der Bundespräsident sich am Ende der gut 60-minütigen Unterhaltung so „tief beeindruckt“ zeigt.
Nach einigen Autogrammen und freundlichem Winken in Richtung der am Ausgang wartenden Verwaltungsangestellten steigen Steinmeier und seine Frau um 16.25 Uhr wieder in die Limousine. Der nächste Termin wartet: ein Benefizkonzert am Abend in Bremen.

Bildunterschrift Einleitungsbild: Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender tragen sich ins Goldene Buch von Selsingen ein. Foto: Algermissen

 

Quelle: Artikel der Bremervörder Zeitung (Stefan Algermissen)

 

Ohne protokollarische Steifheit ging der Besuch des Bundespräsidenten  im Selsinger Rathaus über die Bühne. Nach der Gesprächsrunde zum Thema „Gesellschaftlicher Zusammenhalt – Miteinander von Bundeswehr und Gesellschaft“ nehmen sich Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender Zeit für ein Erinnerungsfoto mit den Teilnehmern. Foto: Algermissen

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